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Historie

Liebe Leserinnen und Leser,

Der folgende Text von Friedrich Lahde (Pfarrer in Almena 1902 – 1910) über Johannes Calvin erschien im Gemeindebrief zum 400. Geburtstag im August 1909:

Von Johannes Calvin, dem großen Reformator und Lehrer der evangelischen Christenheit, der vor 400 Jahren geboren ist, wollt ich den lieben Lesern des Gemeindebriefes diesmal etwas mitteilen. Als Reformierte schul­den wir diesem Manne ja noch besonderem Dank, weil er der größte Lehrer unserer nach Gottes Wort reformierten Kirche gewesen ist.

Er ist am 10. Juli 1509 im nördlichen Frankreich geboren. Schon als Kind war er unge­wöhnlich ernst, hatte  ein frommes Gemüt, war kein Freund von lärmenden Spielen; auch war er hervorragend begabt und fleißig. Erzogen wurde er zusammen mit den Kindern eines adeligen Herren, der ihn auch mit 12 Jahren zum Kaplan einer Kirche machte. Das war damals nichts seltenes, dass jemand die Einkünfte einer geistlichen Stelle bezog, während ein wirklicher Priester gegen eine geringe Bezahlung den Kirchendienst besorgen musste.
Calvin wurde durch diese Einkünfte in stand gesetzt, mit 14 Jahren nach Paris zu gehen und sich weiter auszubilden. Dort hat er vier Jahre hindurch wacker gelernt und den Grund zu einer umfassenden Bildung gelegt, die er später so gut gebrauchen konnte.

Schon damals erfuhr er von Luthers gewaltigen Schwert­streichen gegen die Irrtümer der Papstkirche; denn auch in Frankreich gab es schon Kreise, die dem reinen Evangelium sich zugewandt hatten und mit Wort und Schrift für dieses eintraten. Unter den Bekennern des evan­gelischen Glaubens war auch Margarete, die Schwester des Königs Franz. Bald jedoch begann eine blutige Verfolgung gegen die Bekenner der neuen Lehre, unzählige der besten Bürger Frankreichs endeten durch das Schwert oder auf dem Scheiterhaufen.

Als Calvins Schülerzeit zu Ende ging, wollte er gern der Theologie sich widmen, sein Vater aber hatte ihn für die Rechtswissenschaft bestimmt, weil er hoffte, dass er als Jurist eine glänzende Laufbahn haben würde. Gehorsam fügte sich der achtzehnjährige Jüngling und brachte es durch enormen Fleiß in kurzer Zeit zu einer bewun­dernswerten Rechtskenntnis.

Bald erwarb er sich auch den Doktorhut. Auch als Student kam er in innige Berührung mit den evangelisch Gesinnten, hat sogar schon damals zuweilen gepredigt. Sein Sinn stand schon jetzt nicht nach hohen Ehrenstellen und reichen Ein­künften, sondern es war ihm eine Gewissenspflicht, seinem Volke die biblische Wahrheit zu bringen. Und Gott gab ihm auch die Freiheit, denn gerade jetzt starb sein Vater und er konnte nun in Paris sich theologischen Studien hingeben.

In diese Zeit fällt auch wohl Calvins Bekehrung. Er sagt darüber: „Wie durch einen plötzlichen Lichtstrahl erkannte ich, an welchem Abgrund von Irrtümern ich gewandelt, in welchen Schmutz ich mich befunden hatte. So tat ich, o Herr, was meine Pflicht war, und begab mich erschreckt und mit Tränen mein früheres Leben verdammend, auf deinen Weg.“

Bald darauf musste Calvin aus Paris fliehen, von katholischer Seite verfolgt. Man erzählt, dass seine Freunde ihn an zusammengeknüpften Bett­tüchern zu einem Fenster hinaus herabgelassen haben und er als Winzer verkleidet mit der Hacke auf der Schulter, unerkannt zum Stadttor hinaus gewandert sei. 

Einige Jahre später, 1535, schrieb er in Basel sein berühmtestes Buch: „Unterricht in der christlichen Religion“, eine Glaubenslehre, die bald die weiteste Ver­breitung fand. Bald nach Herausgabe dieses Werkes finden wir den Reformator in Italien am Hofe einer frommen Herzogin, die eine Freundin des Evangeliums war. Aber auch hier musste er bald, um Verfolgung zu ent­gehen, den Platz räumen. Er wollte nach Basel zurück, um ferner seinen Studien zu leben und durch Schriften für die Sache der Reformation zu wirken. Gott hatte es anders mit seinem Knechte vor. 

Ein Krieg zwischen dem französischen Könige und dem deutschen Kaiser ver­sperrte ihm den gewöhnlichen Weg. Ganz gegen seine Absicht musste er über Genf reisen und dort übernachten, und hier trat der folgenschwerste Wende­punkt in seinem Leben ein. Genf, eine Stadt im südwest­lichen Teile der Schweiz, herrlich gelegen am schönen Leman- See, hatte sich bereits vom katholischen Glauben losgesagt, aber weniger aus Liebe zum Evan­gelium als um politisch frei zu werden von der Gewalt des katholischen Bischofs und des Herzogs von Savoyen. Schon vier Jahre arbeitete der überaus tüchtige evangelische Prediger Wilhelm Farel in dieser Stadt, aber noch war es diesem nicht gelungen, der Zügellosigkeit und Sitten­losigkeit bei Hohen und Niedrigen Herr zu werden. 

Da hörte Farel – es war der 5. August 1536 -, Calvin, der Verfasser des „Unterrichtes der christlichen Religion“ sei in der Stadt. Sogleich geht es ihm durch den Kopf: „Das ist der Mann, den uns Gott sendet!“ Er sucht Calvin in seiner Herberge auf, schüttet ihm sein Herz aus und bittet ihn zu bleiben.
Calvin hat tausend Gründe dagegen. Er sei noch zu jung, müsse noch mehr in der Stille studieren und wachsen, sei nicht praktisch genug beanlagt usw. Da kommt ein heiliger Zorn über Farel. Drohend, mit Donnerstimme ruft er Calvin zu: „Du redest von deinen Studien und von deiner Ruhe. Aber ich sage dir im Namen Gottes: Wenn du der Kirche in ihrer Not deine Hilfe versagst und dich selbst mehr suchst als Christum, so wird der Herr deine Studien verfluchen.“ Calvin blieb in Genf, es war ihm bei den Worten Farels, als ob die gewaltige Hand Gottes ihn zurück hielt. 

Nun begann er mit Farel und anderen die Gemeinde in Genf aufzubauen. Nicht nur im Glauben, sondern auch im Leben wollte er dem Herrn ein gereinigtes Volk darstellen. Der Rat in Genf erließ auf seine Veranlassung eine Anzahl von Verordnungen, in welchen Ver­säumnis des Kirchbesuchs, Fluchen, Tanzen und der­gleichen mit harten bürgerlichen Strafen belegt wurde. Das gefiel den leicht­lebigen Genfern nicht und sie fingen an über „das uner­trägliche Joch der Prediger“ zu murren. 

Da kam der Oster­morgen 1538. Calvin erklärte auf der Kanzel, dass er und seine Kollegen wegen schwerer vorliegender Ärgernisse einem so zuchtlosen Volke nicht das heilige Abend­mahl austeilen würden. Ein großer Tumult entstand unter der Bürgerschaft und am Oster­montag wurde über Calvin, Farel und einen dritten Prediger die Verbannung ausge­sprochen. Binnen drei mal 24 Stunden mussten sie die Stadt verlassen. 

Calvin ging nach Straßburg, von der dor­tigen französischen Gemeinde zu ihrem Prediger berufen. Dort hat er als Gemeindehirt und als theo­logischer Lehrer an der Uni­versität segensreich gear­beitet. Dort verheiratete er sich auch mit einer frommen Witwe. Idelette von Büren, mit welcher er eine glückliche, wenn auch durch viele Leiden heim­gesuchte Ehe führte. „Die einzige Schönheit, die Eindruck auf mich macht“, schrieb er einmal an Farel, „ist die, wenn eine Frau sanft sich zeigt, keusch, bescheiden, haus­hälterisch und geduldig, und wenn die Pflege ihres Mannes ihr die Hauptsache ist.“ Und dies fand er an seiner Gattin, die ihm eine treue Gehilfin in seinem Beruf und eine Pflegerin seines gebrechlichen Leibes war. Als ihm seine sämtlichen drei Kinder starben, sagten die Katholischen: “Seht, so straft Gott seinen Ketzer.“ Er aber tröstete seine Gattin: „Zähle ich meine Söhne (Schüler) nach Zehn­tausenden auf dem ganzen Erdkreis!“

Bald waren die Zustände in Genf zu zerrüttet ge­worden, dass alles drunter und drüber ging. Da schickte der Rat eine Gesandtschaft nach Straßburg und bat Calvin, nach Genf zurück zu kehren. Lange hat er sich gesträubt. „Lieber über das Meer“, sagte er, „lieber sterben , als an dieses Kreuz mich schlagen lassen, wo man täglich an tausend Wunden verblutet.“

Endlich gab er nach und zog am 18. September 1541, mit allen Ehren abgeholt, wieder in Genf ein. Und nun begann jene großartige Wirksamkeit des Reformators, durch die Genf „eine Stadt auf dem Berge“, eine weithin leuchtende Zierde der Christenheit geworden ist. Wir können darüber hier nur weniges sagen, weil im Gemeindebriefe der Raum fehlt.  

Calvins Losung war, Gott zu verherrlichen dadurch, dass sein Wort das gesamte Leben der Christenheit beherrschte. Man hat seine strenge Kirchen­zucht nicht nur damals, sondern auch später heftig getadelt. Und sie kommt uns allerdings sehr hart vor. Wer die Kirche ver­säumte, wurde mit Geldstrafe belegt. Wer nicht zum heiligen Abendmahl ging, musste öffent­liche Kirchenbuße tun; ebenso, wer drei Tage krank lag, ohne den Geistlichen rufen zu lassen. Ehebruch wurde mit dem eisernen Halsband, doppelter Ehebruch und Misshandlung der Eltern mit dem Tode bestraft. Aber das ist eine Tatsache, dass diese strenge Zucht, welche die Obrigkeit nach Calvins Vor­schrift im Interesse der Religion durchsetzte, aus dem leicht­sinnigen Volk ein häusliches, fleißiges, wohlge­sittetes und wohlhabendes gemacht hat. Aber selbst der milde Melanchton, Luthers Freund und Mitarbeiter, hat diese Hin­richtung gut geheißen. 

Man dachte in jener Zeit anders als heute. Wir sind heute der Meinung, dass die Obrigkeit über Glauben und Unglauben eines Menschen nicht zu richten hat, aber wir wollen Calvin nicht zu hart verurteilen, weil er den Irrtum seiner Zeitgenossen geteilt hat. Wir sind ja auch in unseren Anschauungen Kinder unserer Zeit.

Ein dornenvoller Weg war dem Gottesmann in Genf beschie­den. Nie ruhte die Feindschaft gegen ihn. Man legte ihm Zettel auf die Kanzel, die ihm den Tod ankündigten, man hetzte Hunde gegen ihn, nannte ihn Kain statt Calvin. Alle Beleidigungen trug er in Geduld, ohne persönliche Rachsucht. Ruhig und fest tat er seine Pflicht. Wir können uns kaum einen Begriff machen von der ungeheuren Arbeit und Sorge, die auf diesem Manne lastete. 

Nur 4 bis 5 Stunden pflegte er zu schlafen. Um 5 Uhr am Morgen begann sein Tagewerk. Zuerst sammelte er sich vor Gott durch Schriftbetrachtung und Gebet, dann studierte er, um 8 Uhr stand er schon auf der Kanzel und zwar predigte er meist alle Tage, um 9 Uhr folgte eine Vorlesung vor den Studen­ten der von ihm gegründeten Universität. Daran schlossen sich Sitzungen. Dann legte er sich aufs Bett, um weiter zu studieren. Aber auch hier unterbrach er sich oft, um Briefe zu schreiben an Fürsten, Staatsmänner, Prediger, Ge­meinden, Angefochtene und Verfolgte, oder um Besuche in der Gemeinde zu machen.

 Es folgt das Mittagessen, auf das er in den letzten zehn Jahren verzichtete, indem er nur noch ein paar Male des Tages ein Ei oder etwas Fleischbrühe genoss. Dann studierte er, der Mann mit dem gebrechlichen Leibe, liegend weiter, machte amtliche Besuche oder, wenn ihm Zeit blieb, des Abends den vom Arzt empfohlenen Spazier­gang.  Nachts saß er wieder am Studiertisch bis Mitter­nacht. Welche Kraft des Geistes und des Willens  muss dieser Mann besessen haben, um dem Allen nach­zukommen, ohne müde zu werden! 
Wenn man ihn mahnte, sich zu schonen, pflegte er zu sagen: “Wollt ihr denn, dass mich der Herr müßig findet, wenn er kommt?“ 

Am 27. Mai 1564 war der Tag seines Todes. Demütig hatte er zuvor die um sein Lager versammelten Rats­herren und Geistlichen von Genf wegen seiner Heftigkeit um Verzeihung gebeten, aber auch von seinem festen Glauben Zeugnis abgelegt und sie alle ermahnt, treu ihres Amtes zu walten zur Ehre Gottes, im Dienste des Evangeliums. „Als er gestorben, beweinte Genf den weisesten seiner Bürger, die Kirche ihren treusten Hirten, die Schüler ihren unver­gleichlichen Lehrer, alle ihren gemeinsamen Vater, viele nächst Gott ihren einzigen Für­sorger und Tröster.“ 

Sein Grab hat keine Inschrift, man weiß nicht einmal, wo es ist, Auf dem Genfer Friedhof findet sich ein Stein mit den Buchstaben J. C. Ob dort seine Asche ruht, das vermag niemand zu sagen. 

Aber obwohl er gestorben, lebet er noch. Jeder Kenner der Kirchengeschichte weiß, was seine Lehre und sein Werk bei den Evangelischen in Frank­reich, Holland, England, Ame­rika, Böhmen, Polen, Ungarn und auch zum Teil in Deutschland ausgerichtet hat. 

Er hat auch mitgeholfen, dem deutschen Volke Gottes Wort und den Trost des Evangeliums zu bringen. Deshalb gebühret ihm unser Dank, vielmehr dem Gott, der diesen Mann seiner Kirche gegeben hat.