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Gemeindebriefe aus vergangenen Tagen

Ausgabe Gemeindebrief Mai 1908

Joh. 10, V. 11
Ich bin der gute Hirte.

Ein herrliches Wort zum Beginn des ersten diesjährigen Gemeindebriefes, nicht wahr, ihr lieben Leser?
Wer kennt nicht das Heilandsbild, wie er sein Schäflein auf der Schulter trägt, das Schäflein, das verirrt und unter die Dornen geraten war? „Wenn er es gefunden hat, so trägt er es heim mit Freuden.“

Es gab eine Zeit in der christlichen Kirche, da dachte man sich den Heiland vorwiegend als den unerbittlichen strengen Richter auf dem Weltenthron. Das war damals, als Luther ein Mönch wurde und im Kloster durch fromme Werke diesen Richter für sich gnädig zu stimmen suchte. Er wußte noch nichts von einem Heiland, der mit suchender Hirtenliebe allen Verirrten und Verlorenen nachgeht, um sie vor Gericht und Verdammnis zu bewahren.

Was die Botschaft von dem strengen Richter nicht erreichte – nämlich das Herz zu Gott zu bekehren – das brachte die Botschaft von dem barmherzigen Seelenhirten Jesus bei ihm zustande. Und wir tun auch gut daran, die Worte von guten Hirten in unserer Bibel recht kräftig zu unterstreichen. Niemand wird bekehrt durch die Predigt des Gesetzes und die Angst vor dem Gericht.

Ja, wohl ist es und heilsam zu bedenken, daß Gott ein heiliger Gott ist, der seine Gebote nicht nur zum Schein oder zum Scherz gegeben hat. Der Leichtsinn, die Verachtung der göttlichen Forderung muß unserem heutigen Geschlecht gründlich ausgetrieben werden. Tausende dürsten nach einer zügellosen Freiheit. „Erlaubt ist, was gefällt!“ heißt der Grundsatz unseres modernen Heidentums, wie es mir mitten in den christlichen Kulturvölkern finden.

Wer fürchtet sich noch vor Gericht und Hölle? Aber so heilsam auch die Angst vor dem künftigen Richterstuhl und vor der ewigen Verwerfung ist, so gewiss sie uns die falsche Sicherheit, den frechen Übermut, die gottlose Gleichgültigkeit gegenüber dem Sündigen verleiten soll und kann – bekehrt wird niemand allein durch diese angstbringende Botschaft. Bekehrt werden heißt ja: sich mit ganzen Herzen und völligen Zuvertrauen an Gott verlieren, sich ins seinen Schutz begeben, auf die eigenen selbstgewählten Wege verzichten, sich in freudiger Unterordnung unter Gottes Leitung begeben. Durch Drohen und Schrecken würde uns Gott niemals ein kindliches Zuvertrauen zu ihm selbst abgewinnen können. Bekehren muss uns die Erkenntnis seiner barmherzigen Liebe. Und darum gab uns der himmlische Vater den guten Hirten Jesus, seinen einzigen Sohn, den Abglanz seiner Herrlichkeit, das Ebenbild seines Wesens.

Jesus sollst du anschauen, lieber Leser, so wie er aus dem Buch aller Bücher dir entgegen leuchtet, und sollst glauben: gerade so gnädig ist mein Gott gegen mich, wie der Heiland es war und noch ist. In diesem guten Hirten bereitet die erbarmende menschenfreundliche Huld Gottes beide Arme nach mir aus, um mich aus dem Elend der Sünde in seinen Friedensschoß zu ziehen. Was ist doch alle menschliche Hirtentreue gegen die Treue des guten Jesus- Hirten.

Treue Eltern haben dich mit Sorgen und Mühen, mit geduldigem Pflegen und Hüten, mit Opfern und Entbehrungen groß gezogen. Aber das Beste, was sie für dich taten und tun konnten, war doch nur dies, dass sie betend dich dem guten Hirten immer wieder anbefahlen, damit er dir Leib und Seele behüten und segnen wolle.

Treue Lehrer und Erzieher haben uns viel gegeben; ihr Einfluß mag bestimmend für unser ganzes Leben geworden sein. Und doch, was sie uns gaben, Bildung des Verstandes und des Gemüthes, Gewöhnung zu nützlicher Tätigkeit, Stärkung unseres Willens zum zielbewußten Handeln im Dienste edler Menschlichkeit auch wertvolle religiöse Überzeugungen – das alles war und ist doch nur vergängliches Gut, nützlich für dieses Leben; zu bleibendem Segen würden sie uns nur dann, wenn sie in der Kraft des Glaubens uns zu dem guten Hirten hinführten, der für uns sein Leben gelassen hat und uns ewiges Leben – in der Herzensgemeinschaft mit Gott – verleiht.

Dem guten Hirten kommt kein anderer Hirte gleich. Nur was er uns gibt, ist wirklich gut; er holt die Seele heraus aus dem dunklen Winkel der Gottentfremdung und Weltverlorenheit.

Ehe Jesus uns nicht seine Stimme vernehmen läßt, ahnen wir nicht einmal etwas von der Gefahr unserer Seele, wie sie so verirrt und verblendet, los von Gott und gebunden an das Eitele ist. Und er verbindet und heilt die Wunden im Gewissen, den Unfrieden des ruhelosen Herzens, das Suchen und Sehnen und Seufzen, die tiefe Traurigkeit über den Betrug der Welt, die uns Glück versprach, aber ihr Versprechen nicht hielt. Und er gibt uns die rechte Seelennahrung, die „unaussprechlich süße Weide“ und führet uns zum frischen Wasser. Denn das muß doch die beste Kost sein, die uns innerlich kräftig und frisch und gesund erhält bis ins höchste Alter hinein.

Wie viele mürrische, griesgrämige alte Leute haben ich schon gefunden- sie waren auf der Weide Jesu Christi nicht zu Hause. Und dagegen andere, die von guten Hirten sich tagtäglich nähren und erquicken ließen, wie fröhlich, jugendfrisch, inniglich zufrieden und dankbar waren sie trotz grauer haare, gebeugtem Gang, Leiden und Heimsuchungen.

Und er führet uns auf rechter Straße. Kennst du die rechte Straße? Es ist die Straße, auf welcher uns der gute Hirte vorangeht; und wir sind auf der rechten Straße, solange wir den Hirten unverwandt anschauen und ihm folgen. Und mag sie unserem fleischlichen Sinn eitel und dornig vorkommen – auf den Wegsteinen steht ja beständig geschrieben: verleugne dich, laß fahren, was die Welt sucht und liebt – sie ist die rechte Straße, weil Jesus darauf leitet.

Sollte sie uns auch endlos lang vorkommen, wie eine Wüstenreise: Jesus geht voran, an Weggenossen fehlt es nicht, Erquickung mangelt auch nicht; und die gewisse Hoffnung, daß der gute Hirte uns doch heimbringt in den ewigen Wonnegarten, treibt uns immer wieder, vorwärts zu laufen in Geduld.
Wahrhaftig, Jesus ist der gute Hirte. Ist er dein guter Hirte schon geworden? Ach, daß du freudig und dankbar ja dazu sagen könntest!, lieber Leser. Kannst du es aber noch nicht, so höre: Dein Hirte sucht dich, auch durch dieses kleine Blättchen, sprich dich in der Stille mit ihm aus über deine Seele und bitte ihn, daß er auch dich seine freundliche milde Stimme tief im Herzen hören lasse, und dann lass dich einfangen von guten Hirten zu deinem ewigen Gewinn.

L. (Friedrich Lahde)

 

Aus Gemeinde und Heimat (1. April bis 6. Mai):

Geboren wurden: Ein Sohn dem Landwirt Heinrich Schüte No.9 in Rott; eine Tochter dem pächter heinrich Strunk auf dem Rehmshofe in Almena.
Es verstarben. Ein Töchterchen des Zieglers Karl Höfer in Papenbruch, ein halbes Jahr alt an Luftröhrenkatarrh und die Witwe Semel in Bremke im 76. Lebensjahr an Altersschwäche.

Ältere Gemeindeglieder werden sich noch des traurigen Vorfalls erinnern, durch welchen der Ehemann der zuletzt Genannten, der Gärtner Semel in Rickbruch sein Leben verlor. Seine Witwe hat ihn 21 Jahre überlebt. Sie war in ihrer Jugend eine Schülerin des alten Burre, der in der Zeit des Vernunftglaubens einsam in seinem Orte, unter vieler Anfeindung, sich als treuer Jünger des gekreuzigten Sünderheilandes mit Wort und Wandel bewies. Mit inniger Liebe erzählte Frau S. noch auf ihrem letzten Lager von ihrem alten Lehrer, durch den sie selbst ihren Heiland kenne gelernt hatte.

Da wir nun einmal bei den Lehrern sind, so will ich noch mitteilen, was manche wohl schon wissen werden, dass an die Meierberger Schule der Lehrer Helming aus Lemgo als 2 Lehrer berufen worden ist. Nun ist also zum ersten Male die bei dem Neubau des dortigem Schulhauses über den Schulräumen eingerichtete Nebenlehrerwohnung bewohnt. Daß die Meierberg 2 Lehrerstelle so lange Jahre bloß auf dem Papier stand, hatte ja vor allem Dingen seinen Grund in dem langjährigen Lehrermangel in unserem Lande. Dank der Fürsorge der Regierung und des Landtages ist durch die Begründung der 3. Seminarklasse und durch die vor einigen Wochen erfolgte Verstaatlichung der Detmolder Präparandenanstalt für ausreichenden Lehrernachwuchs gesorgt.-

Das neue Volksschulgesetz, dessen Entwürfe vielleicht schon in diesem Monat dem Landtage zur Beratung vorgelegt werden dürfte, wird einschneidende Veränderungen in unserem Volksschulwesen zustande bringen. Zweifellos wird die Forderung der Lehrer, daß die Ortsschulaufsicht der Pastoren abgeschafft wird, Erfolg haben. Die Pastoren sind nicht unglücklich darüber. Wer geht denn gern an einen Ort, wo er nicht gern gesehen wird?

Dagegen ist es der Wunsch der Pastoren, daß sie die Aufsicht über den Religionsunterricht in den Schulen ihres Kirchspiels behalten. Wie man wohl in unserem Volke über dies Dinge urteilt! Ich möchte wohl gerne meine lieben Gemeindebriefleser, wenn sie die Zeit und Lust haben, bitten mir einmal ganz offen zu schreiben, ob sie es für notwendig und wünschenswert halten, daß die Pastoren nicht mehr die Schulaufsicht haben. Ich gebe dabei nur den Fingerzeig: wenn die Ortsschulaufsicht in Wegfall kommt, werden 2 oder vielleicht auch mehrere Kreisschulinspektoren ernannt werden. Da wir etwa 250 Schulen in Lippe haben, so kann sich jeder ausrechnen, wieviel Schulen jeder Kreisschulinspektor zu beaufsichtigen hätte. Er würde höchstens einmal im Jahre in jeder Schule sein können.

Bisher hatten die Pastoren in jedem halben Jahre jede ihnen unterstellte Schule zweimal zu besuchen und außerdem an Schlusse jedes Halbjahres in Gegenwart des Schulvorstandes eine Prüfung abzuhalten. Das würde dann, wenn die Ortsschulaufsicht der Pastoren abgeschafft ist, natürlich aufhören. Die Lehrer würden dann manchmal vielleicht ein ganzes Jahr lang keinen Aufsichtsbeamten zu Gesicht bekommen, was besonders für die Jüngeren unter ihnen, die Rat und Anleitung nötig haben, doch zweifellos zu bedauern ist. Aber ich bitte noch einmal um Zuschriften hierüber aus meinem Leserkreise, da ich gern die wirkliche Ansicht des Volkes kennen lernen möchte, die so oft sehr verschieden ist von dem was  Zeitungen und Abgeordnete als Volksmeinungen hinstellen.-

Von dem weiteren Inhalt des Volksschulgesetzentwurfes hebe ich noch hervor, daß das Konsistorium nicht mehr die oberste Schulbehörde bleiben soll. Es soll vielmehr eine eigene staatliche Oberschulbehörde als Abteilung der Regierung gebildet werden. Damit wird die Schule als eine Anstalt des Staates auch äußerlich dargestellt. Die Herabsetzung der Höchstzahl der auf einen Lehrer zu rechnenden Schüler von 120 auf 100 ist ja mit Freuden zu begrüßen, wenn sie auch die Kosten der Schulhaltung für den Saat erhöht. Es würden immerhin dann bald an die 50 neue Lehrer im Lande angestellt werden; dann fängt die Lehrernot von neuem an. Auch Almena bekäme dann einen Lehrer mehr. Aber damit genug der Schulsachen, die Zeitungen werden sich freuen, daß sie für die sogenannte Saure-Gurkenzeit, den Sommer, wieder daran einen Stoff zum Schreiben haben.

Die neue Bremker Schule wird sicher spätestens nach den Ernteferien eingeweiht und bezogen werden können.

Unsere Apothekenangelegenheit hier in Almena scheint auch nicht so recht vom Fleck zu kommen. Die Herren Medizinalräte hatten kein günstiges Gutachten an die Regierung abgegeben; in diesem befanden sich sogar unrichtige Angaben über die hiesigen Verhältnisse, Einwohnerzahlen und Entfernungen. Die Vorsteher haben nun daraufhin wieder eine Berichtigung an die Regierung gesandt. Der Apotheker Dr. Kobbe in Bösingfeld scheint der Errichtung einer Filiale hierselbst schon etwas freundlicher gegenüber zu stehen als am Anfang. Was noch daraus wird, ist schwer zu sagen; auch solche Leute, die sonst das Gras wachsen hören können, halten sich mir ihrem Urteil zurück. Aber hoffen dürfen wir noch auf eine Apotheke, die dann ohne Frage den Arzt nach sich ziehen würde.

Große weltbewegende Dinge sind bei uns im lippischen „Sibirien“ nicht vorgefallen. Auch unsere „Dorfswelt“ bietet ein Bild wohltuender Ruhe. Die Wogen des Kampfes um die freie Wahl des Trichinenbeschauers sind geglättet, was mich sehr freut. Denn derartige Aufregungen bringen allerlei böse Leidenschaften in Fluß.

Die Hexen sind dank der Fürsorge unserer tapferen Jugend am Abend vor dem 1. Mai glücklich wieder vertrieben. Sie haben jetzt Zeit, auf dem Blocksberg in schönen Harz sich von dem Höllenspektakel unserer Dorfkinder zu erholen.

Die schöne warme Witterung der letzten Tage hat das Grün an Bäumen und Sträuchern wie mit Zaubermacht hervorgelockt. Das Korn beginnt mächtig zu wachsen. Die Kartoffeln werden auch bald zugeplfanzt sein, wenn wir solch Wetter behalten. Und dann wollen wir uns des schönen Frühlings freuen und dabei auch unserer lieben Gemeindeglieder in der Fremde gedenken.-

Als neuste Nachricht teile ich noch mit, daß meine junge Nachbarin, Fräulein Luise Korf sich mit Herrn Louis Linnemann in Bösingfeld verlobt hat. Die Verlobung wurde am letzten Sonntage (3.Mai) gefeiert.-
Sollte jemand in diesem Sommer die Gemeindebriefe nicht bekommen, so bitte ich um Nachricht mit genauer Angabe der Adresse,-

Herzliche Grüße an alle Leser 
L. (Lahde)

Briefkasten: An H. Erdsiek, Bielefeld

Gemeindebrief Mai 1909

Liebe Leserinnen und Leser,

Der folgende Text von Friedrich Lahde (Pfarrer in Almena 1902 – 1910) über Johannes Calvin erschien im Gemeindebrief zum 400. Geburtstag im August 1909:

Von Johannes Calvin, dem großen Reformator und Lehrer der evangelischen Christenheit, der vor 400 Jahren geboren ist, wollt ich den lieben Lesern des Gemeindebriefes diesmal etwas mitteilen. Als Reformierte schul­den wir diesem Manne ja noch besonderem Dank, weil er der größte Lehrer unserer nach Gottes Wort reformierten Kirche gewesen ist.

Er ist am 10. Juli 1509 im nördlichen Frankreich geboren. Schon als Kind war er unge­wöhnlich ernst, hatte  ein frommes Gemüt, war kein Freund von lärmenden Spielen; auch war er hervorragend begabt und fleißig. Erzogen wurde er zusammen mit den Kindern eines adeligen Herren, der ihn auch mit 12 Jahren zum Kaplan einer Kirche machte. Das war damals nichts seltenes, dass jemand die Einkünfte einer geistlichen Stelle bezog, während ein wirklicher Priester gegen eine geringe Bezahlung den Kirchendienst besorgen musste.
Calvin wurde durch diese Einkünfte in stand gesetzt, mit 14 Jahren nach Paris zu gehen und sich weiter auszubilden. Dort hat er vier Jahre hindurch wacker gelernt und den Grund zu einer umfassenden Bildung gelegt, die er später so gut gebrauchen konnte.

Schon damals erfuhr er von Luthers gewaltigen Schwert­streichen gegen die Irrtümer der Papstkirche; denn auch in Frankreich gab es schon Kreise, die dem reinen Evangelium sich zugewandt hatten und mit Wort und Schrift für dieses eintraten. Unter den Bekennern des evan­gelischen Glaubens war auch Margarete, die Schwester des Königs Franz. Bald jedoch begann eine blutige Verfolgung gegen die Bekenner der neuen Lehre, unzählige der besten Bürger Frankreichs endeten durch das Schwert oder auf dem Scheiterhaufen.

Als Calvins Schülerzeit zu Ende ging, wollte er gern der Theologie sich widmen, sein Vater aber hatte ihn für die Rechtswissenschaft bestimmt, weil er hoffte, dass er als Jurist eine glänzende Laufbahn haben würde. Gehorsam fügte sich der achtzehnjährige Jüngling und brachte es durch enormen Fleiß in kurzer Zeit zu einer bewun­dernswerten Rechtskenntnis.

Bald erwarb er sich auch den Doktorhut. Auch als Student kam er in innige Berührung mit den evangelisch Gesinnten, hat sogar schon damals zuweilen gepredigt. Sein Sinn stand schon jetzt nicht nach hohen Ehrenstellen und reichen Ein­künften, sondern es war ihm eine Gewissenspflicht, seinem Volke die biblische Wahrheit zu bringen. Und Gott gab ihm auch die Freiheit, denn gerade jetzt starb sein Vater und er konnte nun in Paris sich theologischen Studien hingeben.

In diese Zeit fällt auch wohl Calvins Bekehrung. Er sagt darüber: „Wie durch einen plötzlichen Lichtstrahl erkannte ich, an welchem Abgrund von Irrtümern ich gewandelt, in welchen Schmutz ich mich befunden hatte. So tat ich, o Herr, was meine Pflicht war, und begab mich erschreckt und mit Tränen mein früheres Leben verdammend, auf deinen Weg.“

Bald darauf musste Calvin aus Paris fliehen, von katholischer Seite verfolgt. Man erzählt, dass seine Freunde ihn an zusammengeknüpften Bett­tüchern zu einem Fenster hinaus herabgelassen haben und er als Winzer verkleidet mit der Hacke auf der Schulter, unerkannt zum Stadttor hinaus gewandert sei. 

Einige Jahre später, 1535, schrieb er in Basel sein berühmtestes Buch: „Unterricht in der christlichen Religion“, eine Glaubenslehre, die bald die weiteste Ver­breitung fand. Bald nach Herausgabe dieses Werkes finden wir den Reformator in Italien am Hofe einer frommen Herzogin, die eine Freundin des Evangeliums war. Aber auch hier musste er bald, um Verfolgung zu ent­gehen, den Platz räumen. Er wollte nach Basel zurück, um ferner seinen Studien zu leben und durch Schriften für die Sache der Reformation zu wirken. Gott hatte es anders mit seinem Knechte vor. 

Ein Krieg zwischen dem französischen Könige und dem deutschen Kaiser ver­sperrte ihm den gewöhnlichen Weg. Ganz gegen seine Absicht musste er über Genf reisen und dort übernachten, und hier trat der folgenschwerste Wende­punkt in seinem Leben ein. Genf, eine Stadt im südwest­lichen Teile der Schweiz, herrlich gelegen am schönen Leman- See, hatte sich bereits vom katholischen Glauben losgesagt, aber weniger aus Liebe zum Evan­gelium als um politisch frei zu werden von der Gewalt des katholischen Bischofs und des Herzogs von Savoyen. Schon vier Jahre arbeitete der überaus tüchtige evangelische Prediger Wilhelm Farel in dieser Stadt, aber noch war es diesem nicht gelungen, der Zügellosigkeit und Sitten­losigkeit bei Hohen und Niedrigen Herr zu werden. 

Da hörte Farel – es war der 5. August 1536 -, Calvin, der Verfasser des „Unterrichtes der christlichen Religion“ sei in der Stadt. Sogleich geht es ihm durch den Kopf: „Das ist der Mann, den uns Gott sendet!“ Er sucht Calvin in seiner Herberge auf, schüttet ihm sein Herz aus und bittet ihn zu bleiben.
Calvin hat tausend Gründe dagegen. Er sei noch zu jung, müsse noch mehr in der Stille studieren und wachsen, sei nicht praktisch genug beanlagt usw. Da kommt ein heiliger Zorn über Farel. Drohend, mit Donnerstimme ruft er Calvin zu: „Du redest von deinen Studien und von deiner Ruhe. Aber ich sage dir im Namen Gottes: Wenn du der Kirche in ihrer Not deine Hilfe versagst und dich selbst mehr suchst als Christum, so wird der Herr deine Studien verfluchen.“ Calvin blieb in Genf, es war ihm bei den Worten Farels, als ob die gewaltige Hand Gottes ihn zurück hielt. 

Nun begann er mit Farel und anderen die Gemeinde in Genf aufzubauen. Nicht nur im Glauben, sondern auch im Leben wollte er dem Herrn ein gereinigtes Volk darstellen. Der Rat in Genf erließ auf seine Veranlassung eine Anzahl von Verordnungen, in welchen Ver­säumnis des Kirchbesuchs, Fluchen, Tanzen und der­gleichen mit harten bürgerlichen Strafen belegt wurde. Das gefiel den leicht­lebigen Genfern nicht und sie fingen an über „das uner­trägliche Joch der Prediger“ zu murren. 

Da kam der Oster­morgen 1538. Calvin erklärte auf der Kanzel, dass er und seine Kollegen wegen schwerer vorliegender Ärgernisse einem so zuchtlosen Volke nicht das heilige Abend­mahl austeilen würden. Ein großer Tumult entstand unter der Bürgerschaft und am Oster­montag wurde über Calvin, Farel und einen dritten Prediger die Verbannung ausge­sprochen. Binnen drei mal 24 Stunden mussten sie die Stadt verlassen. 

Calvin ging nach Straßburg, von der dor­tigen französischen Gemeinde zu ihrem Prediger berufen. Dort hat er als Gemeindehirt und als theo­logischer Lehrer an der Uni­versität segensreich gear­beitet. Dort verheiratete er sich auch mit einer frommen Witwe. Idelette von Büren, mit welcher er eine glückliche, wenn auch durch viele Leiden heim­gesuchte Ehe führte. „Die einzige Schönheit, die Eindruck auf mich macht“, schrieb er einmal an Farel, „ist die, wenn eine Frau sanft sich zeigt, keusch, bescheiden, haus­hälterisch und geduldig, und wenn die Pflege ihres Mannes ihr die Hauptsache ist.“ Und dies fand er an seiner Gattin, die ihm eine treue Gehilfin in seinem Beruf und eine Pflegerin seines gebrechlichen Leibes war. Als ihm seine sämtlichen drei Kinder starben, sagten die Katholischen: “Seht, so straft Gott seinen Ketzer.“ Er aber tröstete seine Gattin: „Zähle ich meine Söhne (Schüler) nach Zehn­tausenden auf dem ganzen Erdkreis!“

Bald waren die Zustände in Genf zu zerrüttet ge­worden, dass alles drunter und drüber ging. Da schickte der Rat eine Gesandtschaft nach Straßburg und bat Calvin, nach Genf zurück zu kehren. Lange hat er sich gesträubt. „Lieber über das Meer“, sagte er, „lieber sterben , als an dieses Kreuz mich schlagen lassen, wo man täglich an tausend Wunden verblutet.“

Endlich gab er nach und zog am 18. September 1541, mit allen Ehren abgeholt, wieder in Genf ein. Und nun begann jene großartige Wirksamkeit des Reformators, durch die Genf „eine Stadt auf dem Berge“, eine weithin leuchtende Zierde der Christenheit geworden ist. Wir können darüber hier nur weniges sagen, weil im Gemeindebriefe der Raum fehlt.  

Calvins Losung war, Gott zu verherrlichen dadurch, dass sein Wort das gesamte Leben der Christenheit beherrschte. Man hat seine strenge Kirchen­zucht nicht nur damals, sondern auch später heftig getadelt. Und sie kommt uns allerdings sehr hart vor. Wer die Kirche ver­säumte, wurde mit Geldstrafe belegt. Wer nicht zum heiligen Abendmahl ging, musste öffent­liche Kirchenbuße tun; ebenso, wer drei Tage krank lag, ohne den Geistlichen rufen zu lassen. Ehebruch wurde mit dem eisernen Halsband, doppelter Ehebruch und Misshandlung der Eltern mit dem Tode bestraft. Aber das ist eine Tatsache, dass diese strenge Zucht, welche die Obrigkeit nach Calvins Vor­schrift im Interesse der Religion durchsetzte, aus dem leicht­sinnigen Volk ein häusliches, fleißiges, wohlge­sittetes und wohlhabendes gemacht hat. Aber selbst der milde Melanchton, Luthers Freund und Mitarbeiter, hat diese Hin­richtung gut geheißen. 

Man dachte in jener Zeit anders als heute. Wir sind heute der Meinung, dass die Obrigkeit über Glauben und Unglauben eines Menschen nicht zu richten hat, aber wir wollen Calvin nicht zu hart verurteilen, weil er den Irrtum seiner Zeitgenossen geteilt hat. Wir sind ja auch in unseren Anschauungen Kinder unserer Zeit.

Ein dornenvoller Weg war dem Gottesmann in Genf beschie­den. Nie ruhte die Feindschaft gegen ihn. Man legte ihm Zettel auf die Kanzel, die ihm den Tod ankündigten, man hetzte Hunde gegen ihn, nannte ihn Kain statt Calvin. Alle Beleidigungen trug er in Geduld, ohne persönliche Rachsucht. Ruhig und fest tat er seine Pflicht. Wir können uns kaum einen Begriff machen von der ungeheuren Arbeit und Sorge, die auf diesem Manne lastete. 

Nur 4 bis 5 Stunden pflegte er zu schlafen. Um 5 Uhr am Morgen begann sein Tagewerk. Zuerst sammelte er sich vor Gott durch Schriftbetrachtung und Gebet, dann studierte er, um 8 Uhr stand er schon auf der Kanzel und zwar predigte er meist alle Tage, um 9 Uhr folgte eine Vorlesung vor den Studen­ten der von ihm gegründeten Universität. Daran schlossen sich Sitzungen. Dann legte er sich aufs Bett, um weiter zu studieren. Aber auch hier unterbrach er sich oft, um Briefe zu schreiben an Fürsten, Staatsmänner, Prediger, Ge­meinden, Angefochtene und Verfolgte, oder um Besuche in der Gemeinde zu machen.

 Es folgt das Mittagessen, auf das er in den letzten zehn Jahren verzichtete, indem er nur noch ein paar Male des Tages ein Ei oder etwas Fleischbrühe genoss. Dann studierte er, der Mann mit dem gebrechlichen Leibe, liegend weiter, machte amtliche Besuche oder, wenn ihm Zeit blieb, des Abends den vom Arzt empfohlenen Spazier­gang.  Nachts saß er wieder am Studiertisch bis Mitter­nacht. Welche Kraft des Geistes und des Willens  muss dieser Mann besessen haben, um dem Allen nach­zukommen, ohne müde zu werden! 
Wenn man ihn mahnte, sich zu schonen, pflegte er zu sagen: “Wollt ihr denn, dass mich der Herr müßig findet, wenn er kommt?“ 

Am 27. Mai 1564 war der Tag seines Todes. Demütig hatte er zuvor die um sein Lager versammelten Rats­herren und Geistlichen von Genf wegen seiner Heftigkeit um Verzeihung gebeten, aber auch von seinem festen Glauben Zeugnis abgelegt und sie alle ermahnt, treu ihres Amtes zu walten zur Ehre Gottes, im Dienste des Evangeliums. „Als er gestorben, beweinte Genf den weisesten seiner Bürger, die Kirche ihren treusten Hirten, die Schüler ihren unver­gleichlichen Lehrer, alle ihren gemeinsamen Vater, viele nächst Gott ihren einzigen Für­sorger und Tröster.“ 

Sein Grab hat keine Inschrift, man weiß nicht einmal, wo es ist, Auf dem Genfer Friedhof findet sich ein Stein mit den Buchstaben J. C. Ob dort seine Asche ruht, das vermag niemand zu sagen. 

Aber obwohl er gestorben, lebet er noch. Jeder Kenner der Kirchengeschichte weiß, was seine Lehre und sein Werk bei den Evangelischen in Frank­reich, Holland, England, Ame­rika, Böhmen, Polen, Ungarn und auch zum Teil in Deutschland ausgerichtet hat. 

Er hat auch mitgeholfen, dem deutschen Volke Gottes Wort und den Trost des Evangeliums zu bringen. Deshalb gebühret ihm unser Dank, vielmehr dem Gott, der diesen Mann seiner Kirche gegeben hat.