Das Hagelwetter von Pastor August Held

Liebe Internetnutzer,

Am Samstag, den 19. Juli 2008 gab es einen Hagelschauer in Almena. Der hatte bei weitem nicht die Auswirkungen wie am 1. Juli 1891. Ich hoffe, der Rückblick in die Geschichte unseres Dorfes macht Ihnen Freude:


Das Hagelwetter in Almena am l. Juli 1891
von Pastor Augst Held (von 1885-1902 Pfarrer in Almena)


Hagelwetter! Was ist das schon für die, welche zwei Weltkriege erlebt haben. Dies Hagelwetter war kein Pappenstiel, und es war unsere Heimat, die es traf. Und ist uns nicht das Hemd näher als der Rock? Wie klein das Unglück auch gegenüber dem Weltunheil war,- so hatte es doch Seiten, die das Kriegswetter nicht hatte. Kriegsverwüstungen können wir verstehen, denn wir kennen oder sollten wenigstens kennen - die Abgrundtiefen unseres menschlichen Herzens. Wie rätselhaft ist es aber, dass ein Gott der Güte und Weisheit seine eigenen Werke in der Ernteflur vernichten kann. Sollte man darüber nicht nach­denken? Und auch darüber wie die Väter dies Unglück getragen haben? Dann wäre man seiner Väter nicht wert.


Wer am l. Juli 1891 von Westen her über Göstrup mit seiner tausendjährigen Eiche und Malmershaupt (urkundlich in Albersthofe) wanderte und zu der Aus­fahrt aus der Mergelkuhle am kleinen Lükenberge ab­bog, hatte einen prachtvollen Blick vor sich auf einen waldumkränzten grünen Talkessel. Im Vordergrunde die Kirche von Almena, die die Wohnhäuser wie eine Henne ihre Küchlein um sich geschart hatte. In der Ferne in gleicher Richtung das Dorf Rott, einen Teil von Bremke mit dem sagenhaften Burgberge, von dem aus die Gräfin Hilburg in Abwesenheit ihres Mannes im Gelobten Lande das Kloster Möllenbeck und sieben andere Kirchen des Wesertals zur Zeit des ersten Kreuzzuges gestiftet haben soll. Weiter das ebene Meierberg und darüber das hochgelegene Goldbeck, in dessen Nähe man einen wunderbaren Ausblick über die Weserkette in die Norddeutsche Tiefebene bis zum Steinhuder Meer, und nach Süden über den Teuto-burger Wald und fast ganz Lippe hat. Da konnte der Mund übergehen in den Jubelruf: 0 Täler weit, o Höhen!


Es sollte am Abend des l. Juli anders werde, als es am frühen Morgen war. Bis Mittag waren schon viele Gewitter vorüber gezogen, ohne Abkühlung zu bringen. Am Nachmittag war eine Leichenfeier; nach derselben sollte das Armengeld im Pfarrhause gezählt werden. Alles verlief in der gewohnten Ordnung. Als gegen sechs Uhr ein Gewitter mit Blitz, Donner und Regen einsetzte, riet einer der Zähler, den Tisch mit dem vielen Metall vom Fenster abzurücken. Bald danach hörte man bei dem Regen ein eigentümliches Rauschen. Einer der Presbyter sah aus dem Fenster und sagte ziemlich gleichgültig: „Es ist auch Hagel« dazwischen." Jeder hoffte, dass der Hagel - wie so manches Mal - bald aufhörte, aber stattdessen wurde er von Minute zu Minute dichter und dicker. Doch noch ahnten wir nicht, daß nicht nur ein Unglück sondern eine Katastrophe herannahte! Ach Gott lieber Vater . . . diese Seufzer wurden laut. Eine nach dem anderen ging auf den Flur, um für sich zu sein. Als ich einmal hinausging, sah ich, wie auf den Gartenwegen die Eisstücke in der Stärke von Tauben-Hühner- und Gänseeiern durcheinander herabfielen und meterhoch wieder emporsprangen. Viele der größeren Eisstücke hatten die Form einer gewölbten Hand und ihre Größe. In Göstrup fielen besonders große Stücke wie Biergläser von. zwei bis drei Pfund. Nach Zeitungsberichten wurden davon auf einem Hof 15 000 Dachziegeln vernichtet. Auf dem Hagen drang der Regen durch das zerschlagene Dach und die Büh­nen mit Strömen in die Wohnstube, sodaß die Bewoh­ner im Kleiderschrank Schutz suchten. An anderer Stellen hatte man geglaubt, die Welt gehe unter. Ein derber Junge, der seine Kühe eintrieb, weinte, weil seine bloßen Füße blutig getroffen wurden. Als nach dem Aufhören des Wetters jeder zu seinen Feldern ging, sah er eine traurige Verwüstung: Roggen, Wei­zen, Bohnen waren völlig vernichtet. Ebenso die Som­mersaaten und die Gartenfrüchte. Von Goldbeck be­richtete die Zeitung, daß die Aecker aussähen, als hätte ein Regiment Kavallerie darin geübt. So war es überall.


Ein Nachbar der von seinem Rundgang heim­kam, lehnte sich an den Pfosten der Scheune und weinte bitterlich. Im Westen war der Himmel unheim­lich schwefelgelb gefärbt, und es zeigte sich kein Regenbogen wie nach der Sintflut. In den folgenden Tagen wankten die Menschen wie Schemen daher. Was wird werden? Wovon leben? Durch die Zeitungen wurde erst der Umfang der Katastrophe bekannt. Sie hatte in Steinhagen (daher der Steinhäger) begonnen, hatte von Bielefeld bis Schötmar sich etwas beruhigt. Bei Schötmar und Salzuflen hatte das Unwetter besonders große Wasserfluten herabgeworfen, welche die Ortschaften überfluteten und den Wiesen das Heu wegschwemmten. Bei Detmold und im Osten hatte ein Orkan vielfach Baume über die Straßen geworfen. Das Hagelwetter hatte sich von Schötmar aus in zunehmender Stärke in westlicher Richtung zwischen Talle und Luerdissen in einer Breite von etwa 10 km über Lüdenhausen, Almena, Goldbeck ausgetobt. Den Schaden berechnete man in der Gemeinde Almena auf Hunderttausende, im ganzen Lande auf mehrere Millionen.


Eine schwere Aufgabe brachte der Sonntag. Das Ziel mußte sein, die Haltlosen zu stützen, den Hoff­nungslosen wieder Mut, den Traurigen Trost zu geben. Das war ja freilich keine unbekannte Aufgabe, da an manchen Särgen hoffnungslose und verzweifelte Ange­hörige stehen. Hier aber stand eine ganze Gemeinde tief erschüttert um den „Sarg ihrer Hoffnung". Und doch, das große Trostbuch, die Bibel, hatte auch für solche Fälle Hilfe. Man denke nur, daß einst ein gro­ßes Volk vierzig Jahre lang ohne Saat und Ernte von einem Tage zum anderen auf Hoffnung des Manna leben mußte; und wie ruhig und gelassen hat der Herr Vier- und Fünftausend gespeist.


Zum Text der Predigt wurde Lukas 17,5 gewählt:
Herr, stärke uns den Glauben, d.h. daß wir alles für wahr halten, was uns Gott verheißen und fest ver­trauen, daß auch uns alles geschenkt werde (Frage 21 des H. K.). Bei der ersten Erwähnung des Unglücks erhob sich auf der Frauenseite ein Schluchzen, wie ich es vorher und nachher nie vernommen. Und auch auf der Männerseite stahlen sich stille Tränen die Wangen hinab. Aber auch hier sollte die Verheißung, daß Gott alle Tränen abwischt, und daß die, welche mit Tränen säen, mit Freuden ernten, sich erfüllen. Mehrere Jahre lang wurde am l. Juli eine „Hagelfeier" in der Kirche gehalten. Natürlich regten sich bald Mitleid und Hilfsbereitschaft. Ein K.omitee bildete sich und sammelte meines Wissens über 60 000 Mark wobei das Fürstenhaus mit fürstlichen Gaben voran ging. Es war der zehnfache Betrag einer Haussammlung für eine beliebte Anstalt. Ich selbst sammelt« wo ich Hilfe erwartete.


Ausgiebiger floß eine andere Quelle. Ein Glied der Gemeinde Almena, Höfer aus Bistrup, der in Amerika Pastor war, sammelte durch Sonntagsblätter aus mehreren Staaten 3 500 Mark. Man merkt aus mitfolgenden Briefen, wie sie bei ihren Gaben an ihr früheres Heim, an Calle, Exter, Bega liebevoll dachten. Jedesmal, wenn ein Wechsel über 100 Dollar ankam, mußte ich meine Freude durch einen Luft Sprung über einen Stuhl abreagieren. Die Gaben wurden verteilt an die Gemeinden Almena, Lüden­hausen, Silixen, Hohenhausen, Talle, Lemgo, Schötmar. In Almena wurde ein Teil mit Zustimmung der Geber zur Verbesserung eines Kirchweges zwischen Meierberg und Fütig verwandt, der siebenmal über einen Wasserlauf führte und zur Regenzeit und Schneeschmelze meist unpassierbar war. Später wurde er zu einem Kommunalwege ausgebaut und ist mit dem Buschwerk an beiden Seiten des stillen Tales einer der schönsten in Lippe geworden.


Wenn man rückblickend von den Folgen auf die Absichten Gottes schließen möchte, so kann man sagen, daß das Unwetter so überwältigend war, daß jedermann erkennen mußte, was man so oft vergißt: „Ich bin der Herr". Aber alle Schrecken Gottes, sie kommen aus der Tiefe wie Erdbeben und Vulkane; über die Erde, wie Seuchen und Heuschreckenplage; oder aus der Höhe, wie Hagel und Wolkenbrüche, sie sind doch nur Weckrufe, zu Ihm zu kommen. Deshalb wird im 148. Psalm selbst der Hagel zum Lobe Gottes aufge­fordert, weil Gott ihn zum Dienst an seinen Menschen­kindern gebraucht. Freilich kommt die Absicht nicht immer zum Ziel, da zum Beispiel in der Offenbarung 16,21 zentnerschwere Hagelstücke fallen, und die Menschen lästern. Eine Probe möge aber doch erwei­sen, daß die Predigt des Hagelwetters nicht ver­geblich gewesen ist. So wurde Almena eine Zeitlang eine Missionsgemeinde, und die aus ihr hervorgegan­genen Diakonissen haben sich in ihrem Dienst be­währt.
Man braucht nur zum Kreuze zu blicken, um zu erkennen, daß Gott das Allergrößte hingeben kann zur Rettung der Menschen. Das Kreuz ist aller Rätsel Lösung.